Und Gott sprach: Es werde Licht!

Und es ward Licht.

Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.
(gen1,1-3,24)

Über den helllichten Tag wird auf vielen anderen Seiten unseres Webservers berichtet. Hier hingegen wollen wir uns der Nacht widmen.


Ob man religiös ist oder nicht - die Schöpfungsgeschichte rührt mit ihrer archaischen Poesie wohl jeden an. Und sie enthält eine große Wahrheit: Seit die Erde aus Weltraumstaub zu einem festen Körper zusammensinterte, gab es auf ihr Tag und Nacht – da war an den ersten Menschen noch lange nicht zu denken.
Es nimmt daher nicht Wunder, dass alles Leben in seiner über zwei Milliarden Jahre dauernden Entwicklung zumindest an der Erdoberfläche den stetigen Wechsel von Tag und Nacht ebenso als eine verlässliche Naturkonstante wahrgenommen hat wie z. B. die unsichtbare Schwerkraft. Eine Eigenschaft der Nacht war bis vor kurzem gleichermaßen selbstverständlich wie banal: Die Finsternis. Die Finsternis wird zuweilen durch das Mondlicht gemildert, aber selbst ein Vollmond ist nur 1/400000 mal so hell wie die Sonne. Ungeachtet dessen ist der Mond eine auffällige Erscheinung, die den Rhythmus des Lebens ebenso beeinflusst wie unser Zentralgestirn.  
In erdgeschichtlichen Zeiten haben sich die astronomischen Parameter wegen der Gezeitenbremsung zwar verändert (ein Tag war vor 4,5 Mrd. Jahren nur etwa 8 Stunden lang und der Mond viel näher an der Erde), aber diese Wandlungen haben sich so schleichend vollzogen, dass sich das Leben problemlos daran gewöhnen konnte. Tag und Nacht, Vollmond und Neumond – ein immerwährender, gleichförmiger Rhythmus der Natur.
Wenn ein Mensch zu Zeiten, als man bei Nebra noch Himmelsscheiben produzierte, in einer klaren mondlosen Nacht aus seiner Lehmhütte trat und nach oben schaute, mag sich ihm ein ähnlich faszinierender Anblick wie auf dem Foto dargeboten haben. Und das blieb hunderte von Jahren so - bis Thomas Alva Edison auf der Welt erschien und zu erfinden begann.

Blick in den funkelnden Sternenhimmel hinter Bäumen ohne störendes Licht Sternenhimmel  (© Denny Franzkowiak / Pixabay)

Stets strebte der Mensch danach, Licht ins Dunkel zu bringen.

Das ist ihm mit der Zeit immer besser und effektiver gelungen.

Erst mit einem Lagerfeuer, dann mit Kerze, Kienspan, Petroleumlampe oder Gaslaterne. Je heller es wurde, desto sicherer und überlegener fühlte sich Homo sapiens. Der Durchbruch gelang mit der Erfindung der Elektrizität und Edisons Glühlampe. Die fortschrittlichsten Städte begannen kurz danach mit der Installation einer elektrischen Straßenbeleuchtung. Dieser Fortschritt erreichte bald auch die abgelegensten Dörfer. Metropolen schmückten sich mit flirrender Leuchtreklame aus Neonröhren, Gebäude wurden mit riesigen Scheinwerfern ins rechte Licht gerückt, und schon konnte man (da man inzwischen gelernt hatte, ins Weltall zu fliegen) von ganz oben die Besiedlungsdichte der Kontinente anhand des hellen Lichtscheins in der Nacht erkennen.
Die LED-Technik gestattet uns heute, mit dem Licht zu spielen. Ein bisher unerreichter Wirkungsgrad von 40 bis 50 Prozent und eine entsprechend hohe Lichtausbeute pro Watt gestatten vollkommen neue Gestaltungsmöglichkeiten bei der Beleuchtung. Die Leuchtmittel werden nicht mehr so heiß, können flächig oder in phantasievollen Strukturen angeordnet werden und in vielen Farben leuchten. Für die Lichttechniker hat sich ein Schlaraffenland aufgetan!

Wenn zu heutigen Zeiten der moderne Business-Nomade auf die Loggia seines Apartments tritt und auf die Skyline der gerade aktuellen Lebensabschnitts-Wohnumgebung schaut, mag sich ihm ein ähnlich faszinierender Anblick wie auf dem unteren Foto darbieten. Was er aber nicht mehr sehen kann, ist der Sternenhimmel. - Ist das ein Problem?

Blick auf  die mit vielen bunten Lichtern illuminierten Hochhäuser einer Stadt Die illuminierte Stadt  (© Youssef Elwan / Pixabay)

Der Haken an der Sache

Irgendwas ist immer.

Insekten schwirren im Licht eines Scheinwerfers umher Insektenflug an der Lichtfalle  (© Heinrich Pniok / Free Art License / Wikimedia)

Der Verlust des Sternenhimmels ist für den Menschen - wenn überhaupt - ein Luxusproblem. Reisebüros bieten bereits Exkursionen in dunkle Gefilde an: Dort kann man sich die Milchstraße noch ungestört betrachten. Die Astronomen sind da schon mehr geplagt und müssen ihre Observatorien in entlegenen Wüsten oder auf einsamen Bergen errichten, wenn sie noch etwas sehen wollen – oder sie schießen die Teleskope (wie „Hubble“) gleich in den Weltraum.

Die richtigen Probleme liegen jedoch viel tiefer: Weder Menschen noch Tiere oder Pflanzen haben sich seit Edisons Geburt genetisch an das künstliche Licht anpassen können. Das hat gravierende Auswirkungen, die erst nach und nach erkannt werden. Sie gehen weit über den allseits bekannten Effekt hinaus, dass Fluginsekten wie im Bild rechts von Lichtquellen während der Nacht angezogen und verwirrt werden. Vieltausendfach überleben sie diese Verlockung nicht.

Zugvögel verlieren durch Kunstlicht die Orientierung oder kommen an beleuchteten Wolkenkratzern zu Tode (an den Glasfassaden der Hochhäuser in Toronto sterben pro Jahr bis zu 9 Millionen davon). Andere Tiere büßen ihren Tagesrhythmus ein oder können nicht mehr schlafen. Meeresschildkröten wandern nach dem Schlüpfen in die Stadt anstelle ins Meer. Nachtaktive Insekten bleiben bei neutralweißer Beleuchtung inaktiv, sammeln keine Pollen und verhungern. Der Hormonhaushalt mancher Lebewesen wird gestört und damit die Fortpflanzung gehemmt. Sogar bei Bäumen kommt es zu Wachstumsstörungen und einer Art Burnout-Syndrom.

Und der Mensch? Das Schlaf-Hormon Melatonin wird vom Licht gesteuert. Zuviel Licht zur falschen Zeit, vor allem mit hohem blauen Spektralanteil, hemmt dessen Ausschüttung. Das führt nicht nur zu Schlafstörungen mit ihren direkten negativen Folgen für Körper und Geist, sondern auch zu hormonellen Fehlfunktionen, die das Krebsrisiko erhöhen.

Künstliches Licht hat also viel mehr Schattenseiten, als man zunächst denken mag.

Und nun? Licht aus?

Sollen wir wieder in der Finsternis leben?

Eine menschenleere Straße in Plauen, die nachts hell erleuchtet ist Leere Straße gegen Mitternacht  (© Andreas Röhr)

Ein wenig mehr als jetzt - durchaus.
Aber man muss nicht gleich von einem Extrem in das andere fallen. Die Devise lautet: So wenig Kunstlicht wie möglich, aber so viel wie nötig - und davon die bessere Sorte.
Dass das funktionieren kann, zeigt die „Sternenstadt Fulda“. Man wird dazu jedoch manchen Irrglauben aufgeben und einige liebgewordene Gewohnheiten fallen lassen müssen.

Sehen wir uns zum Beispiel das Bild links an. Es zeigt die Kaiserstraße in Plauen im Bereich der Karl-Marx-Grundschule am 15.09.2020 (einem Dienstag), eine Stunde vor Mitternacht. Tagsüber ist hier viel Verkehr (deshalb die Fußgängerampel für die Schulkinder). Rechts im Bild befindet sich hinter einer Hecke der Schulsportplatz, auf der linken Straßenseite der Kindergarten „Pusteblume“.
Die neue Straßenbeleuchtung wirft ein helles, weißes Licht auf  Gehwege, Straße, Gebäude und Hecke - man könnte sogar die Abfahrtstafel an der Bushaltestelle lesen. Doch wozu? Kein Bus, keine Fußgänger sind unterwegs. Selbst für Autos wäre diese Festbeleuchtung unnötig - die haben ihre eigenen Scheinwerfer dabei.

Die LED-Leuchtmittel haben einen großen Vorteil: Sie können bei Bedarf gedimmt werden. Außerdem kann man Leuchtdioden mit einem geeigneten Lichtspektrum herstellen, insbesondere kann man den besonders problematischen Blau-Anteil minimieren. Schließlich lassen sich Leuchten so gestalten, dass sie nur nach unten strahlen, womit die Blendwirkung verringert sowie die unerwünschte Beleuchtung von Wohn- und Schlafräumen in der angrenzenden Bebauung ebenso vermieden wird wie die nutzlose Erleuchtung des Weltalls.

Stellen wir uns also die Straße zu dieser späten Stunde mit einem auf Mondscheinhelligkeit gedimmten, warmweißen Licht und ausschließlich nach unten abstrahlenden Lampen vor:  Wer hätte davon einen Nachteil?

Paten der Nacht

Volkmar Ihle präsentiert am BUND-Informationsstand Materialien zum BUND und zur Initiative "Paten der Nacht" Volkmar Ihle - ein engagierter "Pate der Nacht"  (© Steffi Müller-Klug)

Es macht wenig Sinn, den Insekten mit Nisthilfen, Schmetterlingswiesen und dem Verbot von Spritzgiften bessere Überlebenschancen zu verschaffen, um sie anschließend an einer des nachts unnötig hell strahlenden Lichtquelle dann doch noch umzubringen.

Wir setzen uns deswegen dafür ein, mit Beleuchtung sorgsamer umzugehen als bisher. Die vielfältigen Beeinträchtigungen der Natur durch Kunstlicht und auch dessen schädliche Auswirkung auf die Gesundheit des Menschen müssen auf ein Mindestmaß reduziert werden. Wir haben uns deswegen der Initiative "Paten der Nacht" angeschlossen und wollen das Problembewusstsein im privaten wie im öffentlichen Leben für dieses Thema wecken. Volkmar Ihle ist unser Verbindungsmann zu diesem Projekt und gehört somit zu den Dunkelmännern der besseren Sorte.

Weniger Lux ...

... ist mehr Luxus für die Natur.

Auf dem Tisch liegt ein Messgerät zur Messung der Beleuchtungsstärke, ein Luxmeter Luxmeter  (© Volkmar Ihle)

Was kann man tun?

Man kann zunächst die Augen offenhalten und jede Lichtquelle, die die Dunkelheit erhellt, hinterfragen: Ist sie nötig? Ist das Licht von guter Qualität? Trifft das Licht die Richtigen?
Ist es zum Beispiel sinnvoll, seinen Vorgarten oder seinen Balkon mit Solarleuchten zu bestücken? Muss man die Spazierwege im Park nachts hell ausleuchten? Warum darf eine Straßenlampe in meinem Schlafzimmer die Nacht zum Tage machen? Sind Schaufenster oder Werbetafeln, die nach Mitternacht nur noch Insekten anlocken, nicht reine Geldverschwendung? Warum wird eine Gewerbestraße nachts hell ausgeleuchtet, wenn doch höchstens mal die Security Patrouille fährt? Muss ein verwaister Haltepunkt die ganze Nacht den leeren Bahnsteig erhellen? Warum haben alle LED-Straßenlampen ein kaltweißes Lichtspektrum?  Wie hell muss es eigentlich nachts sein, damit ich mich in meiner Umgebung orientieren kann? Kann die Nachtschicht im Gewerbeobjekt nicht auch mit geschlossenen Jalousien ganz gut arbeiten? Und, und, und…

Manchmal werden die Fragen auch schwieriger zu beantworten sein, insbesondere dann, wenn Vorschriften beachtet werden müssen, die bestimmte Grenzwerte für die Beleuchtungsstärke festlegen. Ob diese Werte über- oder unterschritten werden, kann man nur mit einem Messgerät korrekt beurteilen. Wir haben uns deshalb ein solches Luxmeter angeschafft. Wer also Fragen zur Beleuchtungsstärke an einem bestimmten Ort hat, kann gerne mit uns in Kontakt treten, eine Messung machen lassen oder das Messgerät (Handbuch hier) ausleihen.

In Bezug auf die Beleuchtung halten sich noch viele Irrtümer – zum Beispiel, dass die Sicherheit nachts im Park durch helles Licht verbessert würde. Das haben Studien längst widerlegt. Auch die Annahme, dass Gemeinden zur Ausleuchtung ihrer Straßen verpflichtet seien, ist falsch.
Da es kein Recht auf absolute Dunkelheit in der Nacht gibt, kann man lichttechnische Konflikte nur mit guten Informationen und freundlicher Überzeugungsarbeit aus der Welt schaffen. Wir haben aber festgestellt, dass sich Privatpersonen, Unternehmer und Verwaltungen zunehmend offener für ein Gespräch zu diesem Thema zeigen.

Wer sich zunächst einmal in die Materie einarbeiten möchte, dem sei das Buch „Licht aus!?“ von Dr. Annette Krop-Benesch empfohlen. Das Buch kann man sich ebenfalls bei uns ausleihen.

Auch von staatlicher Seite aus werden interessierte Bürger, Planer und Entscheider zum Thema Kunstlicht nicht im Dunklen gelassen. Das Bundesamt für Naturschutz stellt einen aktuellen und umfangreichen "Leitfaden zur Neugestaltung und Umrüstung von Außenbeleuchtungsanlagen" zur Verfügung. Darin wird auf fast 100 Seiten detailliert auf die negativen Auswirkungen von Kunstlicht auf  Natur und Mensch, auf technische Möglichkeiten zur Vermeidung dieser Beeinträchtigungen und - ganz wichtig! - auf die dafür relevanten gesetzlichen Regelungen eingegangen. Das wirklich lesenswerte Opus kann als PDF heruntergeladen werden. Ein gedrucktes Exemplar bestellt man kostenfrei bei andrea.loehnert(at)bfn.de.

"Ich will aber nicht ins Gefängnis!"

Ruhig Blut.

Eine hell erleuchtete, menschenleere Straße im Gewerbegebiet Plauen/Reißig um Mitternacht Mitternacht im Gewerbegebiet Plauen-Reißig  (© Andreas Röhr)

Wer sein eigentlich rechtmäßiges Unterlassen (hier: es „dunkel“ zu lassen) für rechtswidrig hält, weil angeblich eine Pflicht zum Handeln („Licht an“) besteht, unterliegt, in loser Anlehnung an Strafrechtsdogmatik, einem (umgekehrten) Gebotsirrtum.

Hä?

Ja. Das ist die Sprache, die sagt, was wirklich gilt. Kaum verständlich, aber letztlich entscheidend.

Kurz zusammengefasst: Es gibt keine Handhabe, eine Kommune dazu zu zwingen, überall Licht anzumachen.

Das wissen nicht alle, viele Entscheidungsträger in den Kommunalverwaltungen haben Angst, das Falsche zu tun und z. B. wegen eines nicht hell ausgeleuchteten Schlagloches in einer öffentlich gewidmeten Straße vor den Kadi zitiert zu werden. Deswegen machen sie "sicherheitshalber" überall Licht an. Und genau das ist leider falsch.

Was richtig ist, wozu man verpflichtet ist - und wozu nicht - hat Rechtsanwalt und Fachanwalt für Verwaltungsrecht Dr. Wolf Herkner in einer Handreichung speziell für Verwaltungen in Städten und Gemeinden in einem Merkblatt zusammengefasst, welches hier heruntergeladen werden kann.

An alle Bürgermeisterinnen, Bürgermeister, Oberbürgermeisterinnen, Oberbürgermeister, Landrätinnen und Landräte:

LESEN!

Lesen bildet.